9. Der Schmetterlingseffekt und seine Folgen

Bisher wurde die Chaostheorie in dieser Arbeit hauptsächlich als mathematisch-physikalische Theorie dargestellt und am Beispiel einer Populationsdynamik veranschaulicht. Sie findet jedoch keineswegs nur in diesen Gebieten Anwendung. Im Gegenteil: die Chaostheorie ist eine interdisziplinäre Theorie, das heißt sie ist in fast allen Wissenschaften von Bedeutung. Denn nichtlineare Zusammenhänge sind im täglichen Leben nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sowohl die Wirtschaftswissenschaften als auch die Ökologie befassen sich schon lange mit der Dynamik nichtlinearer Systeme, und gerade in der Biologie ist der Vorgang der Rückkopplung wohl bekannt, zum Beispiel bei selbstregulierenden Stoffwechselprozessen.
Ebenso ist die Eigenschaft der sensitiven Abhängigkeit eines Systems von seinen Anfangsbedingungen keine Seltenheit. Ein Beispiel hierfür ist der Schmetterlingseffekt, der als Schlagwort im Zusammenhang mit der Chaostheorie bereits einen recht großen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Es wurde berechnet, dass sich die kleinen Wirbel, die beim Flügelschlag eines Schmetterlings in Japan entstehen unter geeigneten (zwar nicht sehr wahrscheinlichen, jedoch nicht unmöglichen) Bedingungen so verstärken können, dass sich das Wetter in Europa anders entwickelt, als wenn dieser Schmetterling nicht dort gewesen wäre. Dieser Sachverhalt könnte auch die häufig verspottete Unzuverlässigkeit der Wettervorhersage erklären.

Während die Entwicklung der Chaostheorie in vielen Wissenschaftsbereichen sehr begrüßt wurde, waren vor allem die theoretischen Physiker sehr skeptisch. Seit Newton und Leibniz war unter ihnen der Glaube an die Berechenbarkeit der Zukunft bei hinreichender Kenntnis der "Anfangsbedingungen" vorherrschend. Die drastischste Folgerung daraus war die Annahme, dass auch das gesamte menschliche Denken und Verhalten berechenbar sei.
Obwohl dieser Gedanke des Determinismus bereits durch die Entwicklung der Quantentheorie stark erschüttert wurde, glaubten viele Wissenschaftler immer noch an die Vorhersagbarkeit der Zukunft. Denn auch wenn sich die Anfangsbedingungen eines Systems nie genau bestimmen lassen, wurde angenommen, dass geringe Abweichungen der Messungen von der Wirklichkeit auch nur zu kleinen Fehlern in den Berechnungen führen und sich damit die Entwicklung eines Systems zumindest annäherungsweise im voraus berechnen lässt (siehe "starkes Kausalitätsprinzip").
Die Chaostheorie hat jedoch gezeigt, dass sich eben solche kleinen Messfehler bei der Bestimmung der Anfangsbedingungen zu großen Fehlern in den Berechnungen auswachsen können. Damit mussten die Physiker einsehen, dass sie doch nie in der Lage sein werden, die Zukunft zu berechnen.
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